Historische Gasthäuser in Radolfzell

Artikel aus dem Südkurier vom Freitag, 19. August 2005

 

 

„Adler“ als letzte Zuflucht für Vater Abt – vom Frank J. Ebner

 

Die Jahreszahl 1620 über dem Eingang weist das Gasthaus „Adler“ an der Seestrasse in Radolfzell als historisches Schwergewicht aus. Im Treppenhaus taucht dieses Jahr ebenfalls auf, zusammen mit dem Relief eines Ochsen erinnert ein uralter Mauerstein an die Zeit des 30-jährigen Krieges. Damals firmierte das Wirtshaus als „Ochsen“.

    Die Urkunden berichten, dass 1634 Abt Gaißer aus St. Georgen mit seinen Vertrauten nach gefahrvoller Reise ein Mittagsmahl im „Ochsen“ zu sich nahm. Er befand sich auf dem Rückweg zum Heimatkloster, nachdem er in Konstanz (vergeblich) um Unterstützung im Kampf gegen die Schweden gebeten hatte, und logierte zunächst beim Pfarrer von Mammern.

    Die Württemberger im Nacken ließ sich der Abt von dort möglichst rasch mit dem Schiff nach Wangen bringen, schlich durch die Wälder am Kloster Grünenberg vorbei nach Iznang, von wo er unverzüglich nach Radolfzell übersetzte. Dort wurde im „Ochsen“ eine Verschnaufpause eingelegt und zusammen mit dem kundigen Stadthauptmann eine weitere Route über Engen in den Schwarzwald festgelegt.

    Dies ist eine der vielen Episoden aus den „Memoiren“ des Gasthauses „Adler“, dessen bauliche Grundsubstanz rund 400 Jahre Zeitgeschichte umfasst. Welcher der Wirte seinerzeit den Abt bediente, ist nicht mehr bekannt, aber die Wirtefolge der letzen 130 Jahre kann das Radolfzeller Stadtarchiv rasch präsentieren: 1875 Jakob Engesser, 1886 Franz Weber, 1897 Andreas Linder (er besaß außerdem das „Kreuz“), 1907 Johann Georg Zeller, 1908 Albert Weiss, 1913 Robert Hosp.

    Im April 1915 pachtete Johann Gauggel das Gasthaus von der Brauerei „zur Hölle AG“ – sieben Monate später wurde er wegen Kuppelei verhaftet. „Gauggel hat sich der Kuppelei dadurch schuldig gemacht, indem er einem zugereisten Soldaten, nachdem dieser mit Kameraden des hiesigen Bataillons für etwa 690 Mark Wein getrunken hatte, gestattet, mit einem Tags zuvor angereisten stellenlosen Dienstmädchen in einem Zimmer seiner Wirtschaft zusammen zu nächtigen“, so die Akten des Bezirksamtes. Die Wirtin und zwei erwachsenen Töchter führen das Gasthaus zunächst alleine weiter, 1930 übernahm Sohn Albert die Gasthausleitung. Auch gegen ihn erfolgte Strafanzeige, denn es missfiel dem Ohr des Gesetzes, dass er sich am „sehr lauten Singen“ von „etwa zehn bis zwölf Gästen beteiligte“.

    Der glücklosen Gauggel-Dynastie folgte 1934 Familie Aich in der langen Reihe von „Adler“-Wirtsleuten. Ein Jahr zuvor hatte Hitler die Nacht in Deutschland übernommen und schlug jeden, der auch nur den Anschein von Regime-Schädigung erweckte, mit eiserner Rute (siehe „Den Galgen vor Augen“). Seit 1939, noch im Schatten des „1000-jährigen Reiches“, schrieben der „Posaunen-Gustel“ und seine Frau Hilda „Adler“-Geschichte.

    Sie wirteten zuvor auf der „Seerose“ und Gustl, der Berufsmusiker, brachte von dort die „kleine Tanzdiele“ mit. Diese Tanzveranstaltungen entwickelten sich zur Institution und zogen viele Gäste an, leider wurde der frischgebackene „Adler“-Wirt 1940 eingezogen und fiel 1945 in Russland.

    Es folgten harte Jahre für Hilda Müller und die drei Kinder. 1942 beschlagnahmte die deutsche Wehrmacht das Gasthaus zur Inhaftierung von Kriegsgefangenen, anschließend waren Zwangsarbeiter untergebracht und in den letzten Kriegsmonaten ausgebombte Familien.

    Nach Kriegsende nutzte die französische Besatzung das Wirtshaus und bis zur Wiederaufnahme des normalen Gasthausbetriebes (1948)diente der „Adler“ noch als Schlaf- und Verpflegungsstelle für „Hamsterer“. In den kargen Nachkriegsjahren fuhr die städtische Bevölkerung auf’s Land, um in kleinen Tauschgeschäften Grundnahrungsmittel – meistens Kartoffeln – zu „hamstern“. Gustl Müller, Sohn des Posaunengustel, machte als Kind selbst eine zunächst erfolgreiche Hamsterfahrt mit, aber „...beim Umsteigen in Schwackenreuthe haben uns französische Soldaten die ganzen Herdepfl wieder abgenommen“ erinnert sich der heute 69-jährige.

    Seit ihrem Hochzeitsjahr 1966 bis 1994 wirteten Gustl und Ehefrau Uschi. Nach einjährigem Kurzversuch des Pächters Düren führte Familie Römer das Gasthaus bis 2000. Seit dem 1. Januar 2001 betreiben Siegmund, Ricarda und Viktoria Götz den „Adler“ in Eigenbetrieb als Hotel Garni.

Historische Gasthäuser in Radolfzell

Artikel aus dem Südkurier vom Freitag, 19. August 2005

 

 

Den Galgen vor Augen

Adlerwirts-Sohn unter Anklage

 

Friedrich „Fritz“ Aich, Jahrgang 1912, lebt in Stuttgart-Weilimdorf und chauffiert noch unerschrocken seinen 200er-Diesel durch die schwäbische Landschaft. Fritz hat schon viel erlebt: während des Krieges als Flugzeugmechaniker bei Messerschmitt, später als Werkführer bei Schiesser in Radolfzell und schließlich in den 25 Jahren als Fernfahrer.

    Die schlimmsten Stunden seines Lebens jedoch musste er bereits in jungen Jahren durchstehen. Fritz war im elterlichen Gasthaus in Radolfzell als Kellner tätig, sein Vater August hatte 1934 den Adler übernommen. Das beliebte Lokal entwickelte sich ab 1937 (Einzug der Verfügungstruppe III/“Germania“ in die neue Radolfzeller Kaserne) zu einem Treffpunkt von Angehörigen der SS. Fast täglich spielte eine Musikkapelle und im „Adler“ ging’s bei Gesang und Tanz meistens hoch her.

    Auf einem Rundgang nach Feierabend bemerkte Fritz eine Gestalt im Halbdunkel – was er hier noch wolle, fuhr Aich den Uniformierten an. „Ich möchte die Rosel besuchen“ und währen der SS-Mann ins Licht trat, wurde sein hoher Offiziersrang sowie eine deutliche „Schlagseite“ erkennbar.

    Die „Rosel“ war eine Bedienung, Fritz konnte das Schäferstündchen nicht unterstützen und schob den Angetrunkenen zum Ausgang. Als dieser die Treppen zur Seestraße (Damals „Leo-Schlageter-Straße“) hinuntertorkelte, blieb er mit den schweren Schaftstiefeln hängen, stürzte und schlug mit dem Kopf aufs Pflaster. „Sofort lief im Blut aus den Ohren“ erinnert sich Fritz an das Schreckensbild.

    Die herbeigerufenen Sanitäter mussten den Schwerverletzten dann zur Erstversorgung ins Krankenhaus nach Konstanz fahren, da der truppeneigene Arzt ebenfalls zu sehr gefiert hatte. Dort verstarb der Offizier. Nachdem es sich um einen der ranghöchsten Offiziere in Radolfzell gehandelt, hatte, waren die Bedingungen der Festnahme entsprechend verschärft. Der Adlerwirtssohn wurde in einem SS-Fahrzeug nach Konstanz ins Gefängnis gekarrt, wo er 14 Tage lang schmachtete. Auch die Gestapo hatte sich bei den Verhören eingeschaltet.

    Gnadenlos forderte anschließen der zuständige Staatsanwalt aus Ulm die Todesstrafe für Fritz Aich. In der eintägigen Verhandlung stellte er Richter fest, „dass kein Beweis für die Schuld des Angeklagten erbracht werden kann“, ergo – Freispruch.

    Diese Urteilsverkündung war wie eine neue Geburt für den Wirtssohn aus Radolfzell, der ja durchaus mit der Hinrichtung rechnen musste. Noch immer steht dem Senior dieser dramatische Moment vor Augen: „i bin z’ammebroche, des gib i ehrlich zu“.

    Heute, 67 Jahre später, hat der 93-jährige nur noch einen großen Wunsch: er möchte gerne noch einmal das Hausherren-Fest besuchen. „Vielleicht läbt jo noch einer vo de alte Schulkamerade“.